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Berliner Morgenpost


Renate Regel jagt in 80 Minuten durch die Kohlhaas-Novelle.

Dann scharrt Renate Regel mit den braun bestrickten Plateauschuhen, tätschelt sich die Hüfte - und schon stehen sie vor uns, die zwei 
prächtigen Rappen, deren Verlust den Rosshändler Michael Kohlhaas in Heinrich von Kleists berühmter Novelle derart auf die Palme
bringt, dass er, als alle Briefe und Eingaben nichts nützten, mordend und brandschatzend durch Sachsen zieht.
"Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger" nennt die Regisseurin Anja Gronau ihr Solo nach Kleist, für das sie die 117 ReclamSeiten
auf 80 Minuten zusammenschnurren lässt. Wie schon in ihrer hinreißenden One-Woman-Show-Reihe "Trilogie der klassischen
Mädchen" (der "Grete"-Teil erhielt den Friedrich-Luft-Preis 2004 der Berliner Morgenpost) erweist sich Gronau als Meisterin eines
bestechend leichten, bestechend einfachen Erzähltheaters. Renate Regel switcht behände zwischen allen Rollen hin und her, erzählt als
weibliche Kohlhääsin zupackend-naiv, mimt Rappen-Elend genauso wie mauschelnden Etepetete-Adel. Die Verschwippschwägerung wird
mit Zuckerwürfeln-Paarung anschaulich gemacht, der Tisch per Teppich- und Lampenschirm-Drapierung zum Pferd und der
Kleiderständer zum Schwert. Über das Städteskyline-Schattenspiel auf der Rückwand wird Feuer projiziert -da reitet Kohlhaas.
Wieder eignet diesem Gronau-Abend der Charme der kleinen Mittel, wieder ist er vom Geiste des Kinderspiels durchpustet. Wie allerdings
passt die Leichtigkeit zur zerstörerischen Verzweiflung des Kohlhaas, der aufs Wütendste gegen die Willkür und Vetternwirtschaft der
herrschenden Klasse anrennt und am Ende zwar zu seinem Recht, aber auch aufs Schafott kommt? Kann man diesen Unrechtsfall des
absolutistischen 16. Jahrhunderts so einfach mit dem heutigen Rechtsstaat parallel setzen?
Regisseurin Gronau will aufs Heute zielen, parodiert Paragraphen-Deutsch und lässt Regel mit dem Megaphon gegen ein Video mit
Obersten Verfassungsrichtern anschreien, von Trillerpfeifen und Tränengas sprechen. Doch gerade vor dem Hintergrund der aktuellen
Bürgerprotest-Debatte um das höchst umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 nimmt sich Anja Gronaus schön gemachter Abend, der ebenso pauschal Eliten-Schelte wie Protest-Lob betreibt, im Oberschichts-Klüngel das einzig konkrete Unheil ausmacht, das Grundgesetz in der Schlusspointe zu einem "Märchen" und dessen Artikel 20 zum "größten Witz" erklärt, doch denkbar schlicht aus.
Theater unterm Dach , Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg. Tel. 902 95 38 20. Termine: 6., 7. und 20., 21. November, jeweils 20 Uhr